Einer der gefährlichsten Auslöser von Burnout ist das Fehlen von Autonomie und wirklicher Entscheidungsfreiheit. Die Begründung lässt sich auch leicht dafür formulieren. Wie ich bereits an vielen Stellen versucht habe, deutlich zu machen, ist Burnout letztendlich eine unmissverständliche Aufforderung der Seele "Tu was, damit ich wieder glücklich werde!". Wenn Sie sich jetzt die Frage stellen, "Wann bin ich zufriedener? Wenn ich den Weg selbst frei bestimmen kann oder wenn er für mich bestimmt wird?", so mag die Antwort zu meist eindeutig sein: "Ich will meinen Weg alleine bestimmen!" Nur scheint dieser Weg aus vielerlei Hinsicht von Zwängen belagert zu sein. Beispielsweise: "Ich muss viel Geld verdienen, um meiner Frau und meinen Kindern mehr bieten zu können", "Ich muss Karriere machen", "Ich muss meine Eltern stolz machen", "Ich muss dem, dem und dem und allen sowieso helfen", "Ich muss der Beste sein", "Ich muss alles bis zum letzten Perfekt machen, sonst bekomme ich eine unsagbare Angst vor den Folgen" oder "Ich muss immer alles machen, denn nur ich kann das". Diese Beispiele haben Sie jetzt sicherlich nicht erwartet. Sie dachten wahrscheinlich mehr an Dinge, bei denen bei einer Missachtung großes Ungemach droht wie "Ich muss noch zwei Genehmigungen vom Amt mir einholen" oder "Ich muss dieses Projekt noch bis zum Ende dieses Monats beenden, sonst bin ich so gut wie abgeschossen". Was ich mit diesen zahlreichen Beispielen ausdrücken wollte, war, dass es nicht nur alleine die äußeren Einflüsse sind, welche uns in ein Korsett quetschen, welches einen oft jeden Handlungsspielraum nimmt. Nein, zusätzlich existieren in uns mindestens genau so viele und vielleicht sogar noch hartnäckigere Zwänge. Auch diesen sollten wir uns immer erst bewusst werden, bevor wir groß beginnen im Rahmen der Burnout-Heilung groß auszuramschen und und von vielen Barrikaden trennen.
Nun stellt sich natürlich die Frage, was passiert jetzt genau, wenn die Seele erkennt, "Nun ja, so viel kann ich doch auch nicht entscheiden und dies macht mich unglücklich"? Zunächst lautet die erste Antwort: "Ich erkämpfe mir die Macht! Ich arbeite noch härter! Ich werde noch aggressiver! Damit hole ich mir meine Eigenbestimmung wieder zurück!" Auch wenn diese Reaktion zunächst sehr unlogisch erscheint, so findet diese zu Hauff bei potentiell für Burnout gefährdeten Menschen statt. Wir befinden uns nun im Anfangsstadium von Burnout. Wir befinden uns in der Hyperaktivitätsphase. Nun ja, was wird passieren? Glauben Sie, die betroffene Person kann wirklich durch mehr arbeiten und das übernehmen von mehr Pflichten, seinen eigenen Weg freier entscheiden? Glauben Sie weiterhin, wenn man mit anderen Menschen und sich selbst härter und aggressiver umgeht, werden sie einem gehorchen und machen, was man selber will? Wenn überhaupt, dann wirkt es nur für einen kurzen Moment. Ist dieser vorbei kommt die Ernüchterung und das Gefühl der Ohnmacht tritt noch weiter an die Oberfläche und auch das Bewusstsein nimmt davon Notiz. Nun befinden wir uns bereits in der Mittelstufe von Burnout, der Resignationsphase. Der Betroffene hat keine Lust und keinen inneren Schwung mehr, aktiv gegen die für ihn unzufrieden stellende Situation anzukämpfen. Er überlässt sich seinem Schicksal. "Vielleicht löst sich alles bald von selbst auf?" oder "Ich muss nur den Wohnort wechseln oder um eine neu Abteilung zu bitten, dann wird das schon". Meistens tritt das Wunder nicht ein. Für den Betroffen wurde leider in der Tombola nicht das richtige Los gezogen. Diesem Drücken vor einem eigenverantwortlichen Handeln kann letztendlich bereits als Flucht oder Hoffnungslosigkeit gewertet werden. Der feste Glaube, die Dinge noch selber regeln zu können, ging bereits schon so gut wie verloren. Schließlich im fortgeschrittenen Stadium von Burnout kann sich der Betroffene auch kaum noch an diese vage Hoffnung einer Besserung klammern. Es ist auch für ihn selbst jetzt einfach zu offensichtlich, dass er nicht mehr selber fähig ist, seine Lage zu Beherrschen und Macht auszuspielen. Der zunehmende Verfall seiner geistigen Leistungsfähigkeit verbessert seine Lage auch nicht wirklich. Dem bewusst werdend schiebt der Betroffene meist nun, um sein eigenen Ego zu schützen, alle Schuld anderen Personen oder bestimmten Sachverhalten zu.
Denkbar währen:
- „Weil ich klüger bin als die anderen, werde ich ausgegrenzt.“
- „Ich kann dies alles nicht bewältigen, da mein Kreislauf nicht mitspielen will.“
- „Der Chef ist an allem dran schuld!“
- „Meine Mutter war in den ersten 6 Monaten meines Lebens im Krankenhaus, daher habe ich Probleme, zu anderen Menschen Kontakt aufzubauen.“
- „Menschen sind einfach nicht für solchen Stress gemacht.“
Das eine solche Schuldabschiebung als Reaktion einen dennoch nicht wirklich glücklicher macht, ist verständlich. Von daher bleibt letztendlich die ernüchternde Situation erhalten. Solange der Betroffene selber nicht erkennt, dass die Entscheidung von dem, was er muss und was er nicht muss auch zu einem großen Teil in seinen Händen liegt, wird sich aus dieser verfahrenen Situation auch kein Weg finden lassen.
Q: Prof. Dr. med. Matthias Burisch - Das Burnout-Syndrom (Springer 2006)