Steht nun dank eindeutiger Symptome oder einer ärztlichen Diagnose fest, dass der Betroffene definitiv unter Burnout leidet, so müssen sich auch unter den engsten Angehörigen Reaktionen darauf zeigen. Als die wichtigsten sehe ich dabei die folgenden an:
- Versuchen zu helfen
- Gleichgültigkeit – „Was gehen mich Deine Problem an“
- Verständnislosigkeit – „So ein Psychokram, der soll sich Mal ein bisschen Zusammenreisen“
- Wut – „Wenn der so weiter macht, versaut der uns noch die ganze finanzielle und beziehungsmäßige Zukunft!“
1. Versuch zu helfen
Die wohl Beste und glücklicherweise auch die wohl häufigste Reaktion auf die Diagnose Burnout ist der Wunsch danach, doch irgendwie dem Betroffenen zu helfen. Bei dieser Reaktion erkennen die Angehörigen sehr deutlich, wie schlecht es ihren besten Freund, ihren engen Verwandten oder ihren Lebensgefährten geht, wie sehr er mit sich kämpft. Für die meisten stellt sich in einer solchen Situation jedoch eine entscheidende Frage: Wie kann ich ihm helfen? Und in der Tat ist dies für Menschen, welche vorher keine eigenen Erfahrungen mit Burnout hatten, ein schwieriges Unterfangen. Sie können die Aussagen über die innere Lage und die vielen Schwierigkeiten, welcher der Betroffene hat, kaum nachvollziehen. Zudem fehlen ihnen zu Beginn nicht nur die praktischen, sondern auch die theoretischen Erfahrungen über die Krankheit. Sie sind somit am Anfang genauso überfordert mit der neuen Situation wie die Betroffenen.
Fallbeispiel aus dem Forum: ...und jetzt hat er sich zurückgezogen...
2. Gleichgültigkeit
Die in diesem Fall denkbare Äußerung, „was gehen mich Deine Probleme an“, suggeriert bereits, wie es um die Beziehung des Angehörigen zu dem Betroffen gestellt steht: schlecht, äußerst schlecht. Diese Reaktion hat wohl auch weniger etwas damit zu tun, ob das Problem nun Burnout oder Angst um eine Entlassung heißt. Sie besagt einfach, dass dem Angehörigen wohl mittlerweile alles egal geworden ist, was den Betroffenen angeht!
Dies muss jedoch nicht von Anfang an in der Krankheitsgeschichte so gewesen sein. In einigen Fällen entwickelt sich diese Einstellung erst nach einer sehr stark abweisenden Haltung des Betroffenen. Einige gehen in dieser sogar so weit, dass sie im Rahmen ihrer Isolationspolitik eine vollkommene Nachrichtensperre über ihr eigenes Leben und insbesondre ihr Innenleben verhängen. Wenn sich ein sehr, sehr naher Angehöriger doch sehr stark zu Beginn um „seinen“ Patient bemüht; Versucht, ein gutes Vertrauensverhältnis als Basis aufzubauen; und sich der Patient entscheidet, aus der Wohnung auszuziehen und wochenlang nicht mehr auf jegliche Kontaktversuche reagiert, so kommt am Ende bei dem Angehörigen doch die Stimmung, „Es ist doch egal, was ich versuche, egal, wie sehr ich mich um ihn Bemühe, ihm ist das einfach nur alles egal, egal, egal und noch einmal egal!“, auf. Am Ende dieser Resignationskette steht schließlich der Entschluss: „Jetzt ist es auch mir egal, wie es Dir geht“, „Sollst Du Dich doch erhängen, wie Du es immer wieder angekündigt hat, mir ist es langsam scheiß egal!“. So geschehen in Fallbeispiel für das Reaktionsmuster Gleichgültigkeit, welches ich zu Untermauerung hinzufügen möchte:
Fallbeispiel im Forum: Wie soll ich mit meinem Partner umgehen?
3. Verständnislosigkeit
Verständnislosigkeit tritt bei Angehörigen auf, wenn sie die Krankheit und Ihre Symptome absolut gar nicht verstehen können. Frei nach dem Motto: „Was ich nicht nachvollziehen kann, kann es eigentlich nicht geben.“ Diese Menschen können i.d.R. auf keine Erfahrungen im Bereich Psychologie zurückgreifen und zeigen daher eine abwertende Meinung gegenüber jegliche Art von psychischer Krankheiten angefangen von Depression über Schizophrenie bis hin zu Magersucht.
Nicht selten spielt bei dieser Gruppe zusätzlich noch das weit verbreitete Vorurteil der begrenzten Berufsbereich für Burnout eine Rolle. Viele Menschen glauben immer noch, dass Burnout nur eine spezielle Krankheit für Pfleger und Manager wäre. Dies ist definitiv ein ein Trugschluss!
Neuere Forschungsergebnisse gehen davon aus, dass in akademischen Berufsgruppen 10-30% burnout-gefährdet sind. Den höchsten Wert nehmen dabei Lehrer ein, den niedrigsten noch dynamische und hoffnungsvolle Jungunternehmer. (Q: Veröffentlichung von Prof. Dr. Bauer in t-online - onleben am 10 Oktober 2007). Die Ursache für diese harte Fehleinschätzung lässt sich wahrscheinlich gut in der Geschichte der Burnout-Forschung nachvollziehen. Von Geschichte kann man eigentlich kaum sprechen, denn es ist erst kaum mehr als 30 Jahre her, als Herbert Freudenberger den Begriff "Burnout" erst erfunden hat. Vorher gab es diese Krankheit nicht. Dass es sie doch gab, wovon auszugehen ist, wollen viele auch im Leben von sehr bekannten Persönlichkeiten nachgewiesen sehen. Mehr dazu können Sie unter Burnoutfälle in Geschichte und Literatur nachlesen. Nun zurück zur Ursache dieses Vorurteils.
Die ersten Forschungen und Publikationen über die damals "neue" Krankheit beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Gesundheitssystem. Zahlreiche Studien und Fallbeschreibungen erschienen über Krankenschwester und Ärzte. Auch das heute noch sehr gängige Masslach-Burnout-Inventory, ein Burnout-Test, ist speziell für helfende Berufe abgestimmt. Als bald wurden in diesem erhabenen Kreis auch Lehrer und Manager aufgenommen. Das Gros der nicht-akademischen und auch akademischen blieb jedoch weitest gehend ausgeschlossen. Erst Ende der 80iger Jahre erkannte man, dass Burnout eben mehr ist, als eine Krankheit für elitäre Berufe, dass jeder Beruf emotional und geistig schwer belasten kann und dass es eben nicht immer der Beruf sein muss. Dennoch ist bei vielen, welche sich vor etlichen Jahren einmal mit Burnout beschäftigten, immer noch das Klischee der Krankheit für elitäre Berufgruppen eingemeißelt. Beharren die Angehörigen auf dieser Meinung gegenüber den Betroffenen aus purer Selbstüberschätzung des eigenen Wissens, so erzeugt das selbstverständlich bei dem Betroffenen Frustration.
Fast immer erzeugt das Reaktionsmuster der Verständnislosigkeit ebenfalls Verständnislosigkeit bei den Betroffenen: „Wie kann es sein, dass der so blöd ist und einfach nicht versteht, wie schlecht es mir geht? Einfach so völlig ignorant ist!“ Nicht verstanden zu werden, erzeugt einen schmerzlichen Vertrauensverlust gegenüber jenem Angehörigen. Das Thermometer auf einer Symphatieskala kann dadurch sehr schnell frostige Temperaturen erreichen. Immer wenn Gefühle von anderen nicht verstanden werden oder mit Füßen getreten werden, reagieren die Opfer dieser Attacke sehr gereizt (vgl. Gesprächsführung).
Fallbeispiel im Forum: Zu früh zu down
4. Wut
Eine Steigerung der für den Betroffenen verletzenden Reaktionsmustern kann nur noch durch Vorwürfe des Gegenübers erreicht werden. Einen möglichen haben Sie bereits in der Übersicht gelesen: „Wenn der so weiter macht, versaut der uns noch die ganze finanzielle und beziehungsmäßige Zukunft!“ Solche Verbalattacken verursache in der Seele des Betroffenen nicht nur alleine schwere Enttäuschung. Sondern auch Reaktionen wie Angst und Hass sind vollkommen Legitime Partner von Enttäuschung in solchen Situationen. Angst hierbei in dem Fall, dass sich der Angehörige (meist die Partner) von einem Abwenden wird in naher Zukunft und man dann völlig alleine da steht. Hass, dass die Äußerung des Angehörigen so verletzend wirken, dass man am ihm am liebsten so lange anschreien und schlagen würde, bis er es endlich einsieht.
Doch leider blieben bei den Reaktionsmustern 3 und 4 alle Versuche seitens des Betroffenen, ihm verständlich zu machen, was es heißt ein Burnout zu haben, nutzlos. Der Angehörige will einfach nicht erkennen, dass er ignorant ist und seine Vorwürfe den Betroffenen immer mehr zur Verzweiflung bringen, dass Enttäuschung, Angst und Hass nichts anderes als schwerer Stress für den Betroffenen sind, welcher nicht etwa die Heilung unterstützt sondern nur noch komplizierter macht.
Fallbeispiele im Forum: Erste Schritte - welche mache ich als erstes?